Gesellschaft für Familienforschung in Franken e.V.

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Exulanten im Evang.-Luth. Dekanatsbezirk Windsbach

Eberhard Krauß
Eine familiengeschichtliche Untersuchung
(= Quellen und Forschungen zur fränkischen Familiengeschichte Bd. 19, Nürnberg 2007)
480 Seiten

 

Die Gesellschaft für Familienforschung in Franken bemüht sich seit längerer Zeit um die Erforschung der aus Glanbensgründen im 17. Jahrhundert in die evangelischen Gebiete Mittelfrankens eingewanderten und aus Glaubensgründen aus ihrer Heimat weggezogenen Österreicher. Viele von ihnen kamen aus dem niederösterreichischen Waldviertel, andere aus dem Voralpengebiet, vor allem aus der Gegend um Gresten, die ersten waren aber "Land-ler", also Oberösterreicher, vorwiegend aus dem Mühlviertel, die der drohenden Katholisierung entgehen wollten und daher in größeren Gruppen nach Franken auswanderten, wo sie in den durch die schrecklichen Geschehnisse des Dreißigjährigen Krieges entvölkerten Gebieten Aufnahme und neue Heimat fanden, in die sie sich relativ rasch integrierten und wo sie und ihre Nachkommen einen wesentlichen Beitrag zur geistigen und wirtschaftlichen Erholung dieser Landstriche leisteten

Es gibt zwar nun schon manche zusammenfassenden Darstellungen von dieser Einwanderung, die sich fast ausschließlich auf die evangelischen Herrschaften und Territorien in Mittelfranken beschränkten, wie zuletzt 2002 von Hartmut Heller und Werner Wilhelm Schnabel, dennoch sind verschiedene fränkische Gebiete in dieser Hinsicht noch nicht wirklich erfasst worden. Dabei geht die Forschung in doppelter Weise vor, wobei ihr in jedem Fall vor allem das in Franken vorhandene Quellenmaterial (die Matriken der dortigen evangelischen Pfarrämter) zur Verfogung steht. Einerseits versucht sie, wie das unlängst für den Raum um Pöggstall, vor al-lem aber für die Orte und Pfarren in der "Eisenwurzen" (VOWW) gesche-hen ist, die aus einer bestimmten Gegend in Österreich ausgewanderten und irgendwo in Franken ansässig gewordenen Personen zu erfassen und auf diese Weise Auskünfte über die insgesamt aus Österreich abgewanderten Menschen (ihre Zahl, soziale Stellung, familiären Verhältnisse u.a.) zu be-kommen. Das ist angesichts der Eigenart der auswertbaren Quellen, von denen es nur ganz wenige in Niederösterreich selbst gibt (Cod.Vind. 7757, Cod.Gerus. 19c) nur bedingt und teilweise möglich, außerdem ist doch davon auszugehen, dass nicht alle Exulanten nach Mittelfranken gezogen sind, wenn auch ganz sicher dort ein sehr großer Teil von ihnen gelandet ist, sodass nicht alle aus Glaubensgründen Abgewanderten aus den Matriken in Mittelfranken erhoben werden können. Darum liegt ein merkbarer Schwer-punkt der Forschungsarbeit doch auf der Erfassung der in einem abgegrenzten Gebiet, meist also in einem mittelfränkischen evangelischen Kirchenbe-zirk (Dekanat) ansässig gewordenen Personen. Sie haben sich nicht nur nach Möglichkeit nach ihrer früheren Heimat niedergelassen, sondern auch -mindestens in der ersten, zum Teil auch noch in der zweiten Generation -untereinander geheiratet. Und die fränkischen Pfarrer haben in der Regel auch sehr genau die Herkunft der Nuptianten, Eltern oder Verstorbenen eingetragen, selbst wenn die Schreibung der Familien- und der Ortsnamen nicht immer ganz der in der früheren Heimat entsprochen hat.Dieser zweiten Forschungsrichtung entspricht auch der hier anzuzeigende Band, dessen Nummer in der Reihe, in der er erschienen ist, von dem Um-fang und dem Fleiß der Tätigkeit der fränkischen Familienforscher kündet. Dabei ist es so, dass gegenwärtig die einschlägigen Unternehmungen von wenigen Personen getragen werden, unter denen neben dem verstorbenen Friedrich Krauß, weiters Gerhard Bauer und Manfred Enzner vor allem der derzeitige Vorsitzende der Gesellschaft Pfr. i.R. Eberhard Krauß zu nennen ist. Von ihm stammt auch dieser Band, wobei er sich auf Vorarbeiten einer-seits von Manfred Enzner, andererseits von einem der beiden Begründer der fränkischen Exulantenforschung, dem Pfarrer Georg Kuhr stützen konnte, aber doch das meiste Material selbst zusammengetragen und die Gestaltung des Buches vorgenommen hat.Wie immer gibt es eingangs eine Einführung, die die behandelten Pfarren unter Berücksichtigung der Kirchenbuchsituation, vor allem aber der Erinnerungen und Nachrichten an Exulanten darstellt. Hier sind es elf Pfarren, von denen freilich Heilsbronn keine für die Exulantenforschung verwend-baren Matriken besitzt. Hübsche Zeichnungen der Kirchen in diesen Orten von Jörg Kutzer erhöhen den Eindruck, den man von den behandelten Orten gewinnt. Angeschlossen ist ein Abriss einer familiengeschichtlichen Darstellung für einen Exulantennachkommen, dessen Familie in dem Gebiet ansässig geworden ist, und der als Historiker Bedeutung gewonnen hat (Joh. Christ. Gatterer).Der Hauptteil des Buches (Seite 105 bis 410) ist das "Exulantenverzeichnis", das alphabetisch geordnet (zweispaltig gedruckt) Angaben zu nicht weniger als 2043 Personen enthält, wobei nicht nur alle erreichbaren persönlichen Daten, sondern auch Hinweise zur Verwandtschaft bzw. zu den Nachkommen gemacht werden. Hier sind also die Daten aus den Kirchenbüchern - mit Hilfe von guten elektronischen Programmen - ausgezeichnet und umfassend miteinander vernetzt worden. Ein anschließendes Personenregister nennt zudem noch alle Namen, die innerhalb der einzelnen biographischen Eintragungen vorkommen, erschließt also noch weitere Personen, allerdings vorwiegend solche, die nicht Exulanten waren. Ebenso wertvoll ist natürlich das Ortsregister, das fränkische und österreichische Ortsnamen enthält und auf die entsprechenden Personen (deren fortlaufende Nummern) verweist. Das ist für eine allenfalls erfolgende Auswertung dieser Nachrichten für lokalgeschichtliche Untersuchungen aus dem Waldviertel natürlich besonders wichtig. Aus Albrechtsberg a.d. Gr. Krems sind - um einige Beispiele anzuführen - nämlich drei Personen, aus Allentgschwendt aber 14, aus Altmelon drei, aus Arbesbach zwölf Personen genannt - richtiger muss man sagen, dass in Verbindung mit den Eintragungen dieser Personen eben so oft und zu den genau verzeichneten Menschen der jeweilige Ortsname genannt wird. Besonders oft werden die Waldviertler Orte Groß-Gerungs, Langschlag, Martinsberg und Würnsdorf genannt. Umgekehrt kann man nach der Zahl der Nennungen zu fränkischen Orten (Pfarren) erschließen, wo sich die Exulanten vor allem niedergelassen haben.Wenn man eine vorsichtige Zahl nennt, so stammen etwas weniger als 30% der hier Verzeichneten aus dem Waldviertel, nicht ganz so viele aus dem VOWW und etwa ebenso viele aus Oberösterreich, meist aus dem Mühlviertel, während Kärntner oder Salzburger Orte nur selten als Her-kunftsgebiete genannt werden. Natürlich gibt es bei zahlreichen Personen nur die Angabe, dass sie aus Niederösterreich bzw. aus Österreich stammen (78 bzw. 121 Namen). Ob man aus niederösterreichischen Quellen, die dem Autor in Franken unbekannt sind, diese noch lokal zuordnen wird können, ist freilich kaum anzunehmen, es sei denn, man untersucht vorhandene Matriken niederösterreichischer Pfarren aus der Zeit vor 1650. Aber auch ohne diese Verifizierungen werfen die Angaben in diesem neuen Buch zahlreiche Schlaglichter auf Vorgänge im Waldviertel des 17. Jahr-hunderts und seine Menschen. Es sollte daher von der Waldviertler Heimatforschung - wie die anderen der Reihe der fränkischen Gesellschaft für Familienforschung - nicht übersehen werden.

 
Gustav Reingrabner
erschienen in der österreichischen
Zeitschrift: Das Waldviertel 1/2008 (57.Jahrgang)

Titelbild - BAND 19

 

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